Empfehlungen des Wissenschaftsrats: Geschlechterforschung breiter verankern

17.08.2023

Der Wissenschaftsrat veröffentlichte am 10. Juli 2023 Empfehlungen zur Weiterentwicklung der Geschlechterforschung in Deutschland.

 

Auf Grundlage einer Analyse und Begutachtung des Status quo der Geschlechterforschung in der deutschen Wissenschaftslandschaft, gab der Wissenschaftsrat Empfehlungen und Impulse, diese breiter zu verankern und weiterzuentwickeln.

Forschung, Methoden, Interdisziplinarität

Zum einen ist eine Stärkung der Disziplin Geschlechterforschung selbst notwendig, um nachhaltige Forschungsstrukturen, die Weiterentwicklung von Methoden und fachlichem Austausch sowie die (internationale) Sichtbarkeit der Forschung zu fördern. Zum Anderen ist die Erweiterung der Perspektive um interdisziplinäre Forschung wichtig. Die Geschlechterperspektive ist insbesondere im MINT-Bereich, in der Medizin sowie in den Rechts- und Wirtschaftswissenschaften noch unzureichend berücksichtigt und es fehlen Strukturen, beispielsweise in Form von Förderungskriterien, Professuren mit speziellen Denominationen und Promotionsprogrammen, um diese interdisziplinäre Perspektive aufzubauen. Hierzu brauche es das Commitment von Hochschulleitungen, aber auch das Engagement von bereits in der Geschlechterforschung etablierten Forschenden.

Forschungsförderung

Im Bereich der Forschungsförderung wäre das Einwerben größerer Verbundforschungsprojekte im Bereich der Geschlechterforschung wünschenswert. Außerdem könnnen auch Hochschulen gezielt Anreize setzen, die Geschlechterperspektive in Forschungsvorhaben jeglicher Disziplinen zu berücksichtigen, sofern sie relevant ist, beispielsweise in Form entsprechender Kriterien oder Sondermittel bei internen Förderungen, wie es sie beispielsweise bei der DFG bereits gibt. Ebenso gehört dazu, dass Personen in Begutachtungsgremien beteiligt sind, die für diese Themen sensibilisiert sind und sie in die Beurteilung einbeziehen können.

Institutionalisierung

Eine Institutionalisierung von Geschlechterforschung kann beispielsweise durch mehr Vernetzung mit anderen Hochschulen und Forschungseinrichtungen sowie durch den Auf- und Ausbau spezieller (auch interdisziplinäre) Professuren mit Gender-Denomination erfolgen.

Studiengänge, Zertifikate und weitere Lehrangebote

Auch die Verankerung entsprechender Inhalte in Studiengängen oder durch Zertifikatsprogramme sei wünschenswert. Durch Zertifikate, die Importlehre mit festen Bestandteilen verbinden, kann beispielsweise in den MINT-Fächern ein Bezug zur eigenen Fachdisziplin hergestellt werden. Zertifikate können regional und hochschulübergreifend organisiert werden, um eine kritische Masse an Interessierten zu erreichen. Der Ausbau von Online Ressourcen zur Geschlechterforschung und auch zur Integration der Geschlechterperspektive in andere Forschungsfelder ist wichtig, ersetzt aber nicht die institutionelle Verankerung in Form von Professuren, Lehrveranstaltungen und speziellen Modulen in Curricula. Eine solche Verankerung ist besonders in den MINT-Fächern, in Medizin, Jura sowie in den Wirtschaftswissenschaften noch wenig ausgebaut.

Early Career

Promotionen, die im interdisziplinären Bereich Geschlechterforschung mit anderen Fachdisziplinen verknüpft bzw. auch Methoden, Fachkulturen sowie unterschiedliche Diskurse miteinander verbinden, können durch die Ermöglichung von Doppelbetreuungen und Graduiertenkollegs sowie Promotionsprogramme ermutigt werden. Dabei muss insbesondere für die an sich schon Mehrwert bringende Verständigung über Methoden und den Umgang mit unterschiedlichen Fach- und Publikationskulturen Zeit eingeplant werden.

Forschungsinfrastrukturen

Geschlechterforschung braucht eine bessere Zusammenführung von Forschungsdaten. Dazu können die Ausschreibung eines DFG-Fachinformationsdienstes, Fachreferate in Universitäts- und Landesbibliotheken sowie eine bessere Verschlagwortung beitragen. Außerdem sollten bestehende Bestände wie das Digitale Deutsche Frauenarchiv (DDF) stärker auf Forschung ausgerichtet werden. VIele dezentrale Archive von Verbänden und sozialen Bewegungen stellen für zeithistorische Geschlechterforschung wichtige Ressourcen bereit. Der Fortbestand dieser Einrichtungen sollte von Ländern und Kommunen gefördert werden, um die Inhalte einer breiteren Öffentlichkeit näher zu bringen.

Internationalisierung

Deutsche Geschlechterforschung wird im Ausland noch zu wenig wahrgenommen. Mehr fremdsprachige Beiträge, mehr englischsprachige Studienangebote und Graduiertenkollege sowie mehr Gastprofessuren können zu einer Internationalisierung des Feldes beitragen und die Anknüpfung an internationale Debatten erleichtern.

Verhältnis zu verwandten Forschungsfeldern

Neben Geschlechterforschung gewinnen benachbarte Forschungsbereiche wie Intersectionality Studies, Diversity Studies und Queer Studies immer mehr an Bedeutung. Diese weisen methodische und inhaltliche Schnittstellen auf, sodass ein Austausch unabdingbar ist. Dennoch darf der Ausbau weiterer Forschungsfelder nicht zu Lasten der Förderung von Geschlechterforschung passieren.

Außerdem ist es wichtig, die inhaltliche Einbindung der Geschlechterperspektive in die Forschung anderer Disziplinen innerhalb von Hochschulen nicht mit strukturellen Maßnahmen zur Förderung von Chancengleichheit, Gleichstellung und Diversität zu verwechseln.

Zu gesellschaftlichen Debatten und Angriffen

Der Wissenschaftsrat äußert außerdem Sorge um die stattfindenden Diffamierungen und persönlichen Angriffe auf Wissenschaftler*innen der Geschlechterforschung. Eine gute Wissenschaftskommunikation in diesen, auch politisch stark diskutierten, Themen sei notwendig und zu unterstützen. Die Wissenschaftsgemeinschaft sowie auch die jeweiligen Einrichtungen seien für den Schutz ihrer Forschenden und Studierenden verantwortlich und sollten sich in solchen Fällen, klar für den Schutz von Wissenschaftsfreiheit positionieren.
 

Weitere Informationen sowie die Empfehlungen finden Sie in der Pressemitteilung des Wissenschaftsrats.